Die Treibjagd

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Romane Endell

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FINALISTE
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Eigentlich denkt man, dass Kerle so etwas machen, harte Kerle, die mit sechzehn ins Gefängnis wandern und mit dreißig entlassen werden.
Ich allerdings bin ein Mädchen, seit neunundvierzig Tagen fünfzehnjährig, ich empfinde eine unglaubliche Lebenslust und vor drei Stunden habe ich mich auf die Spitze des Empire State Buildings gesetzt, ohne die geringste Erfahrung und Erlaubnis. Die längste Zeit meiner Kindheit wurde ich von den Anderen verworfen, verachtet, verletzt. Zu empfindlich, zu nachdenklich: Ich war nicht wie sie, ich passte nie dazu. Immer war ich an der Grenze zu den Leuten, auf ihrer Türschwelle; wenn ich zu nahe trat, wenn mein Fuß die Schwellen überschritt, schlugen sie mir die hölzernen Türflügel mit unerhörter und verheerender Gewalt vor der Nase zu. Jeden Tag seit meiner Geburt überlebe ich, wenn ich schon nicht leben kann. Jeden Morgen mache ich einen Schritt auf den Gesellschaftskodex zu, und jedes Mal verspüre ich kurz darauf wie die Luft vom Rückschritt derer erschauert, die mich umgeben, oder ihre totale Gleichgültigkeit mir gegenüber.

Deswegen habe ich heute früh, als die Morgenröte den New Yorker Himmel mit orangenen Schimmern gefärbt hat, das Unmögliche probiert. Um der Welt zu zeigen, dass es mich gibt und der Sonne zuzubrüllen, dass ich mich nicht brav der Rolle hingeben werde, die man mir zugeteilt hat. Nur um ihnen zu beweisen, dass in mir noch die Glut der Existenz lodert und, dass sie diese niemals auslöschen werden.
Am Vorabend hatte ich mich in einer Ecke des Aussichtssaals versteckt und sobald die ersten Sonnenstrahlen erschienen sind, bin ich über die Schranke hinüber und hochgeklettert bis zur Spitze, die sich in das Blaue vom Himmel zu bohren scheint. Die Freiheitsstatue war nichts anderes mehr als ein kleiner graublauer Anhaltspunkt. Ich konnte bis zum Central Park sehen und ganz Manhattan überblicken, auch die großartigsten Wolkenkratzer konnte ich von oben sehen.
Eine Polizeisirene heult zu meiner Rechten auf und saust an der Gasse vorbei, in der ich mich versteckt halte. Das ist der Preis dafür, dass ich es gewagt habe, auf die Spitze des zweithöchsten Turms zu steigen, der je gebaut wurde: Es wird eifrig nach mir gefahndet. In letzter Sekunde ist es mir gelungen, von meiner Stange herabzusteigen und mit dem Lift hinab zu fahren, doch habe ich den Fehler begangen, die Kabine im ersten Stock zu verlassen. Ich musste eine Fensterscheibe zerschlagen und hinausspringen. Ich landete mit einem verstauchten Knöchel, aber sonst völlig unversehrt, was einem Wunder gleicht oder von Glück der Unschuldigen zeugt. Dann bin ich humpelnd fortgerannt und seitdem verstecke ich mich.
Ich richte mich auf. Ich muss mich entfernen, ich befinde mich noch auf der Höhe der 38. Straße West. Die Hunde bellen, die Stiefel stampfen auf dem Asphalt. Sie sind so nahe. Ich stelle mir vor, wie sie mich schnappen, mich vor den Haftrichter zerren. Wie ich teuer dafür bezahle, dass ich mich wenigstens einmal habe lebendig fühlen wollen; bei diesen Gedanken steigt die Wut in mir hoch. Ich möchte mich zur großen Straße begeben und mich aufrecht den Blaulichtern stellen, der Gesellschaft, die mich aufgegeben hat, stumm meine Verachtung ins Gesicht schreien und mich schließlich mit einem heldenhaften Lächeln auf den Lippen den Polizisten zuwenden. Nicht um sie zu provozieren, sondern weil ich es satt habe, immer auf diese krankhafte Schüchternheit reduziert zu werden. Doch ich tue nichts dergleichen. Die Angst ist bereits zu stark, und ich spüre, dass ich dieses unverschämte Mädchen, das tief in mir lauert, gar nicht werden will.
Ich werfe einen Blick auf das Gebäude im Kolonialstil, an das ich gelehnt bin. Seine glatten Wände und der Hubschrauber, der über den Dächern kreist, halten mich davon ab, daran hochzuklettern. Die große Straße liegt zwanzig Meter vor mir, wenn ich schnell genug bin wird es mir vielleicht gelingen, in der Menschenmenge unterzutauchen. Ich beschleunige meine Schritte und schließe mich gesenkten Kopfes der grölenden Masse an, die sich auf den Bürgersteigen wälzt. Hinter mir reckt sich das Empire State bedrohlich gen Himmel. Fortgerissen von den Leibern, die sich um mich herum anrempeln, dämmert mir endlich das ganze Ausmaß meines verrückten Unterfangens. Ich muss an jenen Mann denken, dessen Name mir immer entfällt, der auf einem Seil über dem Abgrund zwischen den beiden Türmen des World Trade Center balanciert ist. Damals wurde er verhaftet und jetzt wird es mir ebenso ergehen.
Plötzlich quietschen die Reifen der Streifenwagen auf der Fahrbahn und halten an. Bewaffnete Polizisten springen aus den Fahrzeugen. Die Menschen erschrecken furchtbar, sie drücken sich an die Scheiben oder werfen sich zu Boden. Mein Herz schlägt in rasendem Tempo, ich renne fort. Ade, Unauffälligkeit. Eine Stimme ruft mich, doch ich drehe mich nicht um und renne weiter, dabei verfluche ich die Schmerzen, die sich wellenartig in meinem Schenkel ausbreiten.
Geschrei, Unruhe, die Hunde sind los und jagen mich mit aufgerissenen Mäulern. Ich kann nicht einmal sehen, wo ich hinrenne. Tränen fließen auf meinen Wangen, Adrenalin ergießt sich wie aus Kübeln in meinen Adern. Ein zitternder roter Punkt erscheint auf meiner rechten Schulter. Ich springe zur Seite, aus der Schusslinie des Scharfschützen. Im selben Augenblick schlagen Fänge in mein verletztes Bein ein. Ich verliere aufschreiend das Gleichgewicht und stürze auf den lauwarmen Bitumen. Innerhalb von wenigen Sekunden werden mir Handschellen angelegt, dann werde ich zu einem Polizeiwagen geschleift.
Kurz bevor die Wagentür zufällt, sehe ich die Sonne kalt im verwaschenen Himmel scheinen.
Sie verspottet mich. In ihrem immateriellen Lächeln sehe ich den Hochmut der Mächtigen, derjenigen, die über ihre Zukünfte selbst bestimmen und sich weit oben, viel zu weit oben befinden, als dass man hoffen könnte, sie eines Tages zu erreichen.
— Du wirst feige und machtlos sein. Egal, was du tust. Es ist so, du bist dazu verdammt, im Staub zu kriechen, flüstert sie mir ins Ohr.
Ich starre sie an und gestatte meinen Lippen, ihrerseits ein amüsiertes Lächeln anzunehmen, während mein Herz voller Glücksgefühl anschwillt.
Denn heute habe ich mich aufgerichtet.

Traduite par Johannes Honigmann

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