Senkrechter Kilometer

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Alex Des

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Soll ich es ihm sagen? Ich glaube, dass ich es ihm sagen sollte. Ich sage es ihm, es muss sein:

— Ich muss Ihnen sagen: Ich kann nicht schreien.
— Bitte?
— Ich kann nicht schreien. Idiotisch, aber es ist so. Schon als ich klein war und „Cowboys und Indianer“ spielte, mangelte es meinen Schlachtrufen an Überzeugung. Im zweiten Jahr meines Medizinstudiums ist es mir nie gelungen, die Hymne unseres Jahrgangs lauthals zu grölen. Und als ich eines Tages auf der Straße von einem Hund angefallen wurde, ist es mir nicht einmal gelungen, um Hilfe zu rufen. Es verhält sich wirklich so: Ich kann nicht schreien.
— Verstehe. Aber was hat das mit Ihrer gegenwärtigen Lage zu tun?
— Ach, ich dachte nur... ich hab‘ einfach den Eindruck, dass es dazugehört. Ohne Geschrei wäre die Erfahrung nicht ganz vollständig, meinen Sie nicht?
— So kann man das schon sehen, jedoch...
— Also sag’ ich mir: Ist doch eigentlich schade, von so weit her zu kommen und dann alle Vorbereitungen im letzten Moment an einem so läppischen Detail scheitern zu lassen. Das ist jedenfalls meine Meinung.
— Könnte es sein, dass Sie einfach gerade nach Ausreden suchen?
— Ich? Nach Ausreden? Keineswegs! Es ist nur, dass...
— Kommen Sie, Angst zu haben ist ganz normal, das ist menschlich.
Er klopft mir auf den Rücken; es soll freundschaftlich sein, lässt aber mein Blut in den Adern gefrieren und kommt mir vor allem sehr gewagt und unbedacht vor.
— Rühren Sie sich jetzt nicht, ich überprüfe Ihre Füße, das ist wichtig. Schauen Sie nicht nach unten.

Ich schaue nach unten und begreife mit einer Deutlichkeit, die mir den Magen schrecklich zuschnürt, den Unterschied zwischen theoretischer Bedrohung und unmittelbarer Gefahr. Sollte man mich im Laufe einer gewöhnlichen Unterhaltung fragen, ob ich mich vor Schlangen fürchtete, lautete meine selbstsichere Antwort „nein“. Sollte man mir die Frage erneut stellen und mir dabei eine brünstige Königskobra vor das Gesicht halten, würde meine Antwort allerdings sicher anders ausfallen. Hier verhält es genauso: Gewöhnlich bin ich schwindelfrei. Aber gewöhnlich stehe ich nicht über einem dreißig Meter hohen Abgrund. Unfähig, aufzublicken, konzentriere ich mich vollkommen auf meine Turnschuhe. Schließlich ist es ein wenig deren Schuld, dass ich mich hier befinde. Das liegt bereits... schon zehn Jahre zurück? Ich beendete gerade ein Erasmus-Studiensemester in Prag und meine Mitbewohnerin Liviana hatte mich überredet, an einem „Beer Mile“ teilzunehmen, einem Rennen, bei dem bei jeder Runde ein Bier hinuntergestürzt werden musste. Ich war gerannt, ich hatte getrunken, ich hatte gekotzt, wir haben viel gelacht und meine Liebe zum Rennen war entfacht. Dann kam ein Zehn-Kilometer-Rennen, dann ein Halbmarathon, dann ein Marathon, dann Trailläufe aller Art und von allen Längen... Ich war zwar nicht begabt, aber irgendetwas in diesen langen und mehr oder minder wilden Alleingängen fand in mir Anklang. Die Läufe und Trails waren ein Vorwand zum Reisen und zum Entdecken, und das Ergebnis war manchmal magisch: Auf den jahrtausendealten Pflastersteinen von Jerusalem zu rennen, die sagenhaften Landschaften der Schweizer Alpen zu bewundern, die permanente Show von New York beim legendären Marathon dieser Stadt zu erleben... Und immer die Verbrüderung mit völlig unbekannten Menschen, das Teilen von Freud und Leid beim Über-sich-selbst-Hinauswachsen, das Tanzen und Trinken bei den Feiern nach den Rennen... Letztendlich war das die Magie: Beruf, Religion oder Rasse waren vergessen, beim Rennen gibt es nur Kerle und Tussen in Shorts, die sich schwitzend gemeinsam die Frage stellen: Wie kann man nur so blöd sein, um an so einer Sache teilzunehmen?

— OK, jetzt können wir. Sind Sie bereit?
— Ich sagte Ihnen doch, ich kann nicht schreien. Das wird leider nicht gehen.
— Glauben Sie mir, in ein paar Sekunden wird das Ihre geringste Sorge sein. Ich zähle bis drei und bei „drei“ springen Sie, einverstanden?
— ...
— Los geht‘s: eins...
— ...
— Zwei...
— ...
— Drei! Na, was ist?
— ...
— Also, wenn Sie sich ans Geländer festklammern, wird nichts draus.

Innerhalb von zehn Jahren bin ich ganz schön herumgekommen. Ich bin ein alter Ebenenfuchs geworden, anstelle eines alten Seebärs, und die Hornhaut auf meinen Fußsohlen ist so eingewachsen wie der Geruch von Wärmecreme auf meinen Waden. Aber ich muss gestehen, dass mir trotzdem immer etwas fehlte. Ein verborgenes Puzzleteil, wegen dem ich weiterhin auf neuen Wegen suche, auf anderen Fährten erforsche. Und deswegen stehe ich nun auf dieser Brücke, über die der Wind und der menschliche Wahn fegen. Das gab mir den Anstoß...

Er gab mir den Anstoß.
Der Feigling hat mich gestoßen und ich kippe ins Leere.
Den Bruchteil einer Sekunde, mehr braucht mein ganzer Körper nicht, um von einem Überlebensinstinkt durchzuckt zu werden, der sich mit einer absoluten und unerträglichen Panik vermischt und mir schier das Herz sprengt. Wie zum krönenden Abschluss pumpt dieses Herz bei jedem Schlag höchstkonzentrierte Hormone aller Art durch meine Adern. Ich falle, der Tod ist da. Meine Sinne schärfen sich aufs Äußerste, in der unnützen Suche nach einem Fluchtweg, und meine Füße zappeln wie verrückt, um sich von ihren Fesseln zu befreien. Als ob sie mir unter diesen Umständen im Geringsten nützen könnten!
Endlich, nach einigen endlosen Sekunden, spannt sich das Gummiseil, an dem ich hänge. Es erreicht seinen tiefsten Punkt und meine inneren Organe werden zusammengequetscht. Dann, nach einigen Gleichnissen vom Strohhalm im Wind, halte ich endlich still, wie die Spinne am Faden.
Ich lebe. Ich lebe!
Von weiter oben, von ganz weit oben, höre ich so etwas wie eine Stimme:

— Sie… aaee.. eeguu… eriien !
— Hä?
— Ich sagte: Sie haben sehr gut geschrien!

Geschrien? Ich? Na so was! Es stimmt, ich traue es mir zu... Ich traue mir alles zu! Eine Wahrheit erscheint in meinem noch ganz vom Adrenalin durchschüttelten Gehirn: Kein fehlendes Puzzleteil ist aufgetaucht... sondern die unnützen Puzzleteile sind verschwunden! Mich in meiner Euphorie wiegend, schwenke ich sachte und ziellos mit den Armen, ganz wie die winzige Spinne, die ich nun geworden bin. Ich blicke erneut auf meine Turnschuhe, die ich diesmal von unten sehe.
Letztendlich habe ich meine schönste Reise gemacht, ohne einen einzigen Kilometer zu rennen.
Ich lache laut auf. Das trifft sich gut: Sowas konnte ich schon immer.

Translated by Johannes Honigmann