Topfkaktus

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Anna Paquier

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Er vernahm einen scharfen und durchdringenden Ton. Es war ein stetiges Piepsen, das in seinem Kopf den gesamten Raum einnahm.
Dann sah er einen hellen Blitz.
— Guten Tag, hörte er vor sich eine Stimme sagen.
— Guten Tag, antwortete er der Frau.
Sie saß aufrecht an einem makellosen Schreibtisch und sah ihn gelangweilt an. Ihre weiße Robe hob ihren olivfarbenen Teint hervor.
— Willkommen im Paradies, fuhr sie fort.
— Was? Ich bin tot?
— Nun, ja. Erinnern Sie sich nicht?
— Hmm… Ich muss gerade dabei gewesen sein, meine Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Ich las eine E-Mail auf meinem Telefon... Der LKW.
— Genau. Sie sollten etwas besser aufpassen, bevor Sie die Straße überqueren.
Er schüttelte sich und blickte sich um. Um ihn herum war alles weiß.
— Es muss ein Fehler vorliegen. Ich kann nicht sterben.
— Und weshalb?
— Wer wird sich nun um meine Tochter kümmern?
— Sie haben keine Tochter.
— Woher wollen Sie das wissen?
— Das steht in Ihrer Akte. „Unverheiratet, keine Kinder, keine Haustiere, ein Topfkaktus.“
— Wer wird sich um meinen Topfkaktus kümmern?
— Sehr einfallsreich. Ihr Tod wird in einer Minute offiziell verkündet.
— Ich bin erst 26 Jahre alt, ich kann nicht bei einem einfachen Verkehrsunfall ums Leben kommen! Ich muss noch so viele Dinge erledigen.
— Es tut mir leid, aber...
— Ich bin noch nicht nach Südamerika gereist, ich habe die Liebe meines Lebens noch nicht kennengelernt, ich habe noch nie einen Legoturm gebaut, der bis zur Decke reicht! Es tut mir leid, aber ich kann heute nicht sterben, es ist einfach nicht möglich.
— Hören Sie, ich kümmere mich hier nur um die Neuaufnahmen. Falls Sie eine Beschwerde haben, müssen Sie sich an meine Vorgesetzte wenden.
Bevor er antworten konnte, verwandelte sich das Piepsen in einer Reihe kurzer, schneller aber regelmäßiger Töne.
— Ah, Sie haben Glück, Sie müssen noch nicht einmal ein Beschwerdeformular ausfüllen. Sie werden Ihren Topfkaktus wiederbekommen.
Es blitzte zum zweiten Mal.

Er öffnete die Augen und verspürte einen ungeheuerlichen körperlichen Schmerz. Der Himmel war in nächtliches Dunkel gehüllt, das von Weihnachtsdekorationen beleuchtet wurde. Ein Kopf kam in sein Sichtfeld.
— Wir haben ihn wiederbelebt.
— Was ist passiert? Mir tut alles weh.
— Er ist bei Bewusstsein. Sie wurden von einem LKW angefahren. Wir bringen Sie ins Krankenhaus.
— In Ihrer weißen Robe sahen Sie hübscher aus.
— Was erzählt er nur?
— Er halluziniert, das liegt an den Schmerzen. Bringen Sie Ihn sofort in den Krankenwagen, und geben Sie ihm zehn Milligramm Morphium.
Er schloss die Augen wieder, ließ sich treiben und gab sie den bohrenden Schmerzen hin. Das Leben war alles in allem viel schmerzhafter als der Tod. Viel dorniger. Aber auch viel interessanter.
Ich muss mir Legosteine kaufen, sagte er sich, als die Nadel in seinen Arm eindrang.

Translated by Polly Langenbach

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