Zufallsbrief

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Sandra Mézière

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LAURÉAT
Sélection Jury

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Ich weiß nicht, wer mit diesem absurden Spiel begann. Aber seit ich denken kann, wurde bei uns das folgende Weihnachtsritual praktiziert: Alle Gäste mussten eine außergewöhnliche Geschichte über sich erzählen, die wahr oder erfunden sein konnte. Die anderen Gäste mussten raten, ob sie wahr oder erfunden war. Wer am meisten Glück hatte oder am einfallsreichsten war, bekam das Überraschungsgeschenk. In jedem Jahr fürchtete ich mich wieder vor diesem schicksalhaften Moment, an dem ich mich wie immer zum Gespött aller anderen machen würde. Ich war die ewige Verliererin. Die, die sich ihr Leben mehr erträumt, als es zu leben. Da ich unfähig war zu lügen (zumindest ohne tiefrot zu werden), bestand mein außergewöhnliches Abenteuer (in guten Jahren) darin, dass ich fünf Centimes auf der Straße gefunden oder mich verblüffenderweise ins angrenzende Departement gewagt hatte. Im Vergleich zu den Polarexpeditionen von Onkel Henri und den fantastischen Abenteuern meiner Kusine Emma wirkten meine Anekdoten lächerlich. Es kam dazu, dass ich niemals Glück hatte. Außer ein einziges Mal. Und mit diesem einzigen Mal löschte ich alle meine Unglückstage aus. Und alle trügerischen Abenteuer, die von den vorangegangenen und zukünftigen Generationen erzählt wurden. Hier also, was ich an diesem 24. Dezember vor zehn spöttischen und skeptischen Augenpaaren erzählt habe – zumindest waren sie am Anfang spöttisch und skeptisch:

„An besagtem Tag legte ich wie an jedem Samstagmorgen unwillig mein spannendes Buch zur Seite, um die Post zu holen. Die extreme Diskretion, mit der der Briefträger diese immer in meinen Briefkasten pfefferte, hatte mich in die verflixte Realität zurückgeholt. Und wie an jedem Samstagmorgen wurde meine schlechte Laune durch den betont abschätzigen Blick, den mir meine Nachbarin zuwarf, noch schlechter. Zwischen Rechnungen und Werbesendungen erregte ein Brief meine Aufmerksamkeit. Bevor ich den Namen des Empfängers las, fiel mir zunächst die kunstvolle, eigenartige, feste Schrift auf. Der Brief war an die Nachbarin gerichtet. Ja, genau an die. Wie Ihr wisst, bin ich von Grund auf ehrlich und wohlwollend, was einige von euch als „erstaunlich naiv“ empfinden. Doch, das weiß ich. Du brauchst es nicht abstreiten, Emma. Aber fünf Jahre der wöchentlichen abschätzigen Blicke waren stärker als meine arglose Großherzigkeit, zumindest, was die Nachbarin betrifft. Ich wurde von starker Neugier ergriffen, riss den Briefumschlag auf und las Folgendes:

Liebe Freundin,
gestatten Sie mir, Sie so zu nennen, obwohl Sie mich nicht kennen, was dieser in gleichem Maße ehrliche wie unsinnige Brief, wie ich hoffe, ändern wird. Ich bin ein hoffnungslos und heillos romantisches Wesen, vielleicht ein Anachronismus, und spiele wahnsinnig gerne mit dem Leben, an dessen Magie ich mich weigere, nicht mehr zu glauben – auch, wenn ich zugeben muss, dass die Umstände nicht unbedingt für das Leben sprechen. Und noch weniger für mein Leben. Meine Freunde sind entweder hämisch oder wollen mich nicht mehr alleinstehend sehen. Und sie rechnen nicht mehr damit, dass ich selbst etwas dagegen unternehme. Deshalb wollten sie dem widerspenstigen Zufall etwas nachhelfen und haben sich eine wahnsinnige Strategie ausgedacht: eine Person finden, die mir gefallen könnte, ihre Adresse herausfinden und ihr einen angeblich von mir geschriebenen Brief übermitteln, ohne dass ich sie gesehen habe. Aus einem Grund, den ich noch nicht kenne, der sich aber, wie ich hoffe, aus Ihrer Präsenz ergeben wird, fiel die Wahl meiner Freunde dabei auf Sie. Wenn ich Ihnen sagen würde, dass ich nicht uncharmant bin, würde ich Ihnen schrecklich anmaßend vorkommen. Also beschränke ich mich einfach auf das, was ich mag: verrückte Zufälle und Gewissheiten, den trägen Hauch einer Sommerbrise, die Verzückung und unendliche Traurigkeit, wenn ich die letzten Seiten eines Buches verschlinge, bei der Wintersonnenwende das unterschwellige Gefühl, neu geboren zu werden, das verräterische Schweigen, wenn zwei Blicke sich verzaubern, Alliterationen, die Melancholie, enthusiastische und melancholische Menschen. Und Paradoxe. Und wer weiß, eines Tages vielleicht Sie... Um dies herauszufinden, möchte ich mich mit Ihnen um 21 Uhr auf der Pont des Arts verabreden. Ich werde dort an jedem Abend auf Sie warten.
Ein neuer Freund...vielleicht.

Ich zitterte am ganzen Körper. Meine Entschlossenheit jedoch geriet nicht ins Wanken. Eine Woche später begab ich mich aufgeregt auf den Weg zur Pont des Arts. Die Pariser Luft war mir noch nie so spannungsgeladen vorgekommen, so voller unsäglicher Möglichkeiten und unsinniger Träume. Unter dem Licht einer Laterne sah ich, wie sich auf der fast menschenleeren Brücke eine Silhouette abzeichnete und zu mir drehte. Wie hypnotisiert ging ich weiter. Und dann... Aber das kann euch Solal besser erzählen als ich“, sagte ich und drehte mich zur Eingangstür.

Zehn Augenpaare taten es mir gleich. Wie meine Zuhörer hielt ich den Atem an. Alle Augen waren auf die Tür gerichtet. Eine Sekunde lang. Zehn Sekunden lang. Eine Minute lang. Die Tür öffnete sich nicht. Schließlich regte sich Applaus, zunächst zurückhaltend, dann lauter.

Als ich mit meinem riesigen Stoffbär (meiner diskreten Trophäe) unter dem Arm über die verschneite Straße nach Hause ging, die täuschend weiß und unschuldig wirkte, musste ich lachen. Ich war von Freude überwältigt. Ich dachte an meine Halbwahrheit, die alle verblüfft hatte. Und getäuscht. Ich dachte an den Brief (fast derselbe wie der, den ich vorgetragen hatte), den ich an einen Unbekannten geschickt hatte. Denn ich war von der tiefen Lust beseelt, zu leben und endlich den abschätzigen Blick der Nachbarin und die Geringschätzung meiner Familie Lügen zu strafen. Denn ich hatte auf einer Behörde seine Stimme, seine Adresse und seinen Namen gehört, ohne ihn zu sehen. Denn Solal war mehr als nur ein Vorname: Es war eine genüssliche Verheißung. Ich dachte daran, wie ich auf der Pont des Arts schmachtend und schuldvoll gewartet hatte. Ich dachte an Solals Schritte, die ich zitternd erwartete, dann hörte. An diese Hand, wie sie vor der verhängnisvollen Schönheit von Paris sehnsüchtig nach der meinen griff. Einfach so. Ich dachte darüber nach, dass das Leben wunderbar romantisch werden kann, wenn man es selbst bestimmt, dass die Fantasie eine unschätzbare Macht ist und ich mir dessen ohne dieses sinnlose Weihnachtsritual niemals bewusst geworden wäre. Und schließlich dachte ich an diese Stimme und diese Hand, die unwiderstehlich waren und mich von nun an jeden Samstagmorgen daran hinderten, zu lesen und das Klappern des Briefkastens zu hören. Und die mich vor der Realität schützten.

Traduite par Polly Langenbach

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