Spalt der Schüchternheit

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Bruno Perera

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Madame, ich schulde Ihnen ein Geständnis. Zu lange habe ich meine Gefühle verschwiegen, doch nützt es mir nichts, sie zu unterdrücken, wenn ihre Heftigkeit mich unaufhörlich aufwühlt. Ich hatte nicht vor, Sie Ihnen gegenüber zu äußern, da es ja keinen Ausweg gibt. Sie haben Ihr Leben und ich meines. Wir sind jeweils glücklich mit den Unsrigen. Warum einen Sturm entfachen, warum die Möglichkeit eines anderen Lebens andeuten, da wir doch beide wissen, dass der Weg, den wir gewählt haben, der der Vernunft ist? Gewiss, er mag recht fad erscheinen gegenüber den Torheiten der Leidenschaft, aber wir haben genug erlebt, um zu wissen, dass sich auf dem Gipfel eines Vulkans nichts erbauen lässt.

Aber vielleicht gebe ich mich Illusionen hin und schreibe Ihnen Gedanken zu, die nur in meinen Träumereien existieren. Es kann sein, dass diese Worte Sie erstaunen, diese Gefühle Sie erschüttern, dass Sie dort nur Freundschaft sehen, wo ich mir einer gegenseitigen Liebe gewiss war. In diesem Fall seien Sie mir nicht böse, weisen Sie mich nicht zurück! Sehen Sie darin einfach nur die Zeichen einer Verirrung! Ich bin töricht genug zu hoffen, dass Sie mir, dank Ihres Urteilsvermögens, diese unschickliche Zurschaustellung zu verzeihen wissen.

Madame, ich schulde Ihnen ein Geständnis. Gleich als ich Sie bemerkt habe, habe ich gewusst, dass Sie mir nicht würden gleichgültig sein können. Was ist das Geheimnis dieser unmittelbaren Erkenntnis? Eine Seinsweise, die verschüttete Kindheitserinnerungen wachruft? Die unaufhörliche Suche nach einem weiblichen Ideal über die Mutterfigur oder die Erinnerung an meine ersten erotischen Regungen? Oder sind es sehr viel prosaischere Prozesse wie zum Beispiel der Geruch oder der verborgene Mechanismus einer guten genetischen Kompatibilität? Schon als ich Sie habe gehen sehen, diesen jugendlichen Gang, diese Anmut Ihres Körpers und diesen geraden Blick, diesen strahlenden, dem anderen gegenüber freundlichen Blick, habe ich gewusst, dass ich dem erlegen sein würde.

Oh, es war ein langsamer, verborgener Prozess, aber er hat seine Spuren hinterlassen und sich aus all diesen unbedeutenden Momenten in Ihrer Gegenwart gespeist! Die Monate sind vergangen, vielleicht Jahre, ich weiß es nicht, doch eines Tages musste es so kommen, dass wir aufhörten, einander zu begegnen, dass wir miteinander sprachen und uns offenbarten, ein paar beliebige gewechselte Sätze, der Beginn einer Freundschaft.

Madame, ich schulde Ihnen ein Geständnis. An diesem Abend, als Sie dort im Sonnenlicht standen, von den Strahlen der untergehenden Sonne in keiner Weise irritiert, da hat es mich überwältigt. Haben Sie meine Befangenheit bemerkt, während ich mich im schützenden Schatten der schräg einfallenden Sonne verbarg? Ich, für gewöhnlich so redegewandt, war derart aufgewühlt, dass ich mit Ihnen keine Unterhaltung führen konnte. Haben Sie meine Verlegenheit gespürt, meine chaotische Sprechweise? Es ist ein Klischee, das zu schreiben, aber es war genau das, was ich empfunden habe: Ich war sprachlos. Geblendet durch das, was von Ihnen ausging. Der Eindruck war so stark, dass Ihr Bild mir tief ins Gedächtnis eingegraben geblieben ist. Diese Augen, die sich aufgehellt hatten, in ihrer Schönheit durch ein dezentes Make-up betont. Diese ungebändigten Haare mit den verblassten Farbsträhnen. Dieser warme Teint, hervorgehoben durch ein paar Sommersprossen. Dieses verhaltene Lächeln, fast rätselhaft, vielleicht leicht spöttisch. Ihre nackten Schultern in der Hitze des Sommers. Sie blickten mich unverwandt an, Sie erwarteten mich, und ich musste den Zauber abschütteln, der mich lähmte. Wir sind in unserer eigenen kleinen Welt gewesen, uns der Gespräche unserer Nachbarn kaum bewusst, vertrauensvoll intime Worte wechselnd, als wären wir ein altes Liebespaar und als gäbe es kein Tabu zwischen uns... Es ist schmerzlich gewesen, Sie in der kühlen Nacht zu verlassen.

Der Höhepunkt dieses totemistischen Abends ist nie überschritten worden. Wir haben losen Kontakt, mal ist er trivial, mal herzlich, mal distanziert, mal sehr eng. Mehrmals habe ich versucht, Sie allein anzutreffen, weil ich wissen wollte, was in Ihrem Bauch, Ihrem Herzen, Ihrem Kopf vor sich ging, aber Sie haben sich immer entzogen.

Und als ich, der vielen Male überdrüssig, die ich die Initiative ergriffen hatte, ohne Erwiderung Ihrerseits, mich bereit fühlte aufzugeben, von dieser Suche abzulassen, da ermutigten Sie mich plötzlich durch ein strahlendes Lächeln, einen warmherzigen Blick, ein Handzeichen.

Madame, ich schulde Ihnen ein Geständnis. Ich weiß, dass wir einander erkannt haben, dass wir aus demselben Stoff der Träume gemacht sind. Dass wir in unseren Worten leben, in unserem Kopf. Dass unsere Innenwelt sehr viel weiter ist als diese drei Dimensionen, die unseren Körper begrenzen. Dass wir bei den gleichen schönen Dingen, den gleichen Emotionen erbeben. Dass wir aus demselben Holz der Schimären geschnitzt sind. Ich weiß, dass dieses Gefühl der Zugehörigkeit uns übersteigt und dass unsere wesentlichen Bande fortbestehen werden. Schließlich weiß ich, dass Sie sehr viel besonnener sind als ich, dass Sie akzeptiert haben, dass diese Liebe in diesem Leben nicht ausgelebt werden kann und dass wir beide nur zärtlich über ihren Schaum streichen dürfen.

Madame, ich schulde Ihnen ein Geständnis. Wir sind aus demselben Holz der Feen geschnitzt. Wir sind wie diese brüderlichen Bäume, die im Wald nebeneinanderstehen. Wir wachsen zusammen heran, schöpfen aus demselben Substrat. Wir vergrößern unser Astwerk, und doch kommen unsere Zweige nie in Berührung; eine Lücke weniger Zentimeter, durch die das Sonnenlicht geht, ein zarter Spalt in unserem Laubwerk. Die Förster kennen dieses seltsame Phänomen gut. Sie wissen nicht, durch welchen Mechanismus, welche Art der Kommunikation die Bäume einen so geringen Abstand halten können, ohne einander zu berühren, wie sie sich gegenseitig zu respektieren wissen, während sie sich ausbreiten. Sie haben ihm einen poetischen Namen gegeben: Spalt der Schüchternheit.

Madame, ich akzeptiere, dass zwischen uns ein Spalt der Schüchternheit geboten ist. Ich akzeptiere, dass unsere Kommunikation ein Mysterium ist, für uns und für die anderen. Ich akzeptiere, dass diese heimliche Liebe in unseren Köpfen nistet. Ich akzeptiere, dass sich unsere Körper nie kennenlernen werden. Wir werden so nah bleiben, aber ohne uns zu berühren, während wir uns gegenseitig achten, uns gemeinsam derselben Sonne entgegen bewegen.

Madame, ich bitte Sie nur um einen einzigen Gefallen.

Dass sich über diesen Spalt der Schüchternheit hinweg unsere Zärtlichkeit ergieße.

Traduite par Tatjana Marwinski

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