Flucht aus der Zeit

il y a
3 min
0
lecture
103
Seit Monaten hielt ihn die Miliz gefangen. Lucien war nicht von einem Nachbarn verraten worden, der, wie es so oft geschah, ein gieriges Auges auf die „Prämie für bravouröse Taten“ geworfen hatte. Er war auf schändliche Weise von seiner eigenen Familie verraten worden. Seine eigene Tochter hatte ihn verpfiffen und in dieses Gefängnis für Renegaten werfen lassen. Jede Woche führte man ihn zu einem Scheinarzt, der ihn eine ganze Stunde lang mit Fragen löcherte. Alles wollte er über Lucien wissen. Seine Kindheit, seine Leidenschaften, sein Leben mit den Widerstandskämpfern. Doch Lucien sagte nichts. Niemals hätte er seine Waffenbrüder verraten. Er plante sogar seinen Ausbruch. Sein Plan war perfekt.

An diesem Julidienstag um 12h45 war es Lucien gelungen, von der Telefonzelle im Flur seines Gefängnisses aus zu telefonieren. Sein Gesprächspartner schien Schwierigkeiten zu haben, ihn zu verstehen. Dabei sollten alle Mitglieder der Gruppe doch immer Kenntnis von den regelmäßig geänderten Geheimcodes haben. Lucien musste seine Anweisungen mehrmals wiederholen, wodurch er in Gefahr geriet, aufzufallen. Dann war er in seine Zelle zurückgekehrt und hatte so getan, als sei er völlig von der Handlung eines alten Kitschromans gefesselt.

Um 13h13 riss ein Motorgeräusch Lucien aus dem Schlummer, in den er unwillkürlich versunken war. Er lugte aus dem Fenster und sah einen seltsam gekleideten jungen Mann, der draußen auf der Straße sein Moped vor dem Gebäude parkte. Ein rotes Moped. Ging es nicht unauffälliger? Dennoch musste Lucien leicht schmunzeln als er sah, wie der Mann diskret den Zündschlüssel stecken ließ.

Um 13h14 trat Lucien aus seiner Zelle, um vom täglich autorisierten Spaziergang zu profitieren. Er mischte sich unter die anderen Gefangenen und setzte sich gemächlich auf eine Bank, ganz in der Nähe des Mopeds. Sein Herz klopfte wie wild, aber er ließ es sich nicht anmerken.

Als er um 13h18 sicher war, dass seine Wärter gerade damit beschäftigt waren, den jungen Mann auszufragen, zögerte Lucien nicht länger. Er stand lebhaft auf und schwang sich geschwind auf den Sitz des Mopeds. Er drehte den Zündschlüssel und fuhr los, die Räder quietschten auf dem Kiesboden.

Um 13h30 sauste Lucien eine Landstraße entlang. Er genoss den Wind, der sanft über sein Gesicht strich, und den Geruch von Benzin, der ihn umgab. Kurz maß er anhand der Vibrationen des Mopeds, was er dem Fahrzeug noch zumuten könnte, dann schätzte er sich mit dessen Leistung zufrieden und schlug die Richtung seines Schlupfwinkels in den Bergen ein. Sobald er das Städtchen ohne Schwierigkeiten durchquert hätte, würde er diesen in etwas über einer Stunde erreichen.

Um 14h03 gab das Moped erste Zeichen von Erschöpfung. Lucien fuhr langsamer, da er sich der Ortseinfahrt näherte. Die Miliz würde ihn sicher auf den Wegen suchen, die das Städtchen umfuhren, da diese seit der Neugestaltung des Verkehrs im Ortskern recht ruhig waren. Lucien aber würde sich schlauer anstellen. Er hatte darauf geachtet, sich so gut wie möglich zu kleiden, und beschlossen, das Städtchen ganz unauffällig zu durchqueren. Er hielt gewissenhaft an allen Stoppschildern an und fuhr bedächtig. Womöglich zu bedächtig…

Um 14h12, gerade fuhr er an den letzten Geschäften vorbei, hörte Lucien eine Stimme, die ihn rief. Jemand hatte ihn erkannt! Wahrscheinlich der Fleischer, bei dem er früher regelmäßig eingekauft hatte. Der Mann war ihm immer sympathisch gewesen, aber Lucien konnte es nicht riskieren, in die Falle zu tappen. Die Miliz hatte vielleicht bereits ihre Informanten benachrichtigt... Ohne sich umzusehen, drehte er heftig am Lenker, woraufhin sein Gefährt stinkenden Qualm ausspuckte und los düste.

Um 14h15 spürte eine Kuh, dass das Gras auf der anderen Straßenseite besser schmecken musste. Lucien musste messerscharf wenden um dem Tier im letzten Moment auszuweichen und landete mit seinem Fahrzeug mitten auf einer Weide. Dort gab das Moped den Geist auf. Weil das Gras seinen Sturz gedämpft hatte, kam Lucien rasch wieder zu sich. Die Schleuderspuren waren deutlich sichtbar doch er hoffte, dass die Rinder sie bald unkenntlich trampeln würden. Allerdings konnte er nicht das Moped liegen lassen, das einfach viel zu auffällig war. Mühselig richtete er das Fahrzeug wieder auf und schob es bis zum Ende der Weide, bis an den Rand des nächstgelegenen Waldes.

Um 14h20 betrat Lucien einen kleinen Pfad, der quer durch den Wald und zum Schlupfwinkel führte, einem ehemaligen Bauernhaus, das gut nach Holz und frischem Gras duftete. Lucien atmete tief ein, wie um die Erinnerung an diese Gerüche aufzufrischen. Trotz seiner Verletzungen fühle er sich glücklich. Er war frei. Das Moped schien auf einmal viel leichter.

Um 14h35 erreichte Lucien eine kleine Lichtung, auf der er den Bauernhof der Familie Stross erkannte. Diese Landwirte hätten ihm sicher geholfen, ihm saubere Kleidung und ein Stück geräucherten Speck gegeben (das war etwas anderes als die widerliche Suppe, die er im Gefängnis vorgesetzt bekam!), denn sie verabscheuten die Milizionäre. Der alte Stross war zu Kriegsbeginn deportiert worden und die Söhne hatten sich der Résistance angeschlossen. Aber Lucien wollte sie keinen Gefahren aussetzen. Wenn die Miliz etwas erfuhr, war es um die ganze Familie geschehen.

Um 14h48 erreichte Lucien endlich völlig entkräftet den Schlupfwinkel. Der Ort war völlig ungepflegt. Efeu hatte die Mauern überwuchert und blockierte sogar die Fenster, und auf der Steintreppe lag eine dicke Staubschicht. Trotz seiner Müdigkeit begann Lucien zu schimpfen. Er stellte das Moped in der Scheune ab und stieg mühselig die Treppe hoch, die zum Garten führte. Mit Freuden sah er den alten Mirabellenbaum wieder, der sich unter der Last seiner Früchte bog. Lucien pflückte einige, dann legte er sich ganz erschöpft unter den Baum, um wieder zu Kräften zu kommen bevor ihm die Anderen seine neuen falschen Papiere brachten. Als er die Augen öffnete, war er von uniformierten Männern umringt...

Um 16h wurde Lucien von den Gendarmen zum Altersheim Les Mimosas zurückgeführt und der noch reichlich verdutzte Pizzabote erhielt sein allerdings stark lädiertes Moped zurück. Egal; Lucien hatte einen neuen Fluchtplan. Einen perfekten Plan.

-- Traduite par Johannes Honigmann

103

Vous aimerez aussi !

Très très courts

Seule au monde

Christian Pluche

« Avant tout, il faut te calmer ma fille, tu n'es pas le premier marin qui passe par-dessus bord ! Ralentis ta respiration, ne pas avoir trop d'air dans tes poumons. L'hyperventilation provoque... [+]

Très très courts

Dehors les monstres !

Clément Paquis

Je déteste les enfants. Un gosse, c'est con, cruel, sale, bruyant, ça pleure tout le temps, ça hurle, ça vit bien trop longtemps et puis une fois adulte, ça boit, ça fait de la politique, ça... [+]