Vor unseren Augen

il y a
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Un livre ? Nadja, André Breton. Un texte ? Première soirée, Arthur Rimbaud. Un film ? Trainspotting, Danny Boyle. Une chanson ? I am the walrus, The Beatles.

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Traduite par Johannes Honigmann

Ich werde das Leben nicht mehr wie früher sehen. Alle diese Bilder, die ständig vorbeilaufen. Wir sind die Zuschauer eines Films in dem wir alle die Hauptrolle spielen. Wir wissen es ganz genau und tun jedoch so, als ob gar nichts sei. Jedes Mal, wenn unser Blick unser Bild in einem Wandspiegel, dem Autorückspiegel, einem Schaufenster oder sogar einer Pfütze streift, erinnern wir uns, dass der Film hier und jetzt gerade läuft. Ein verfilmtes Leben, fünfzehn Minuten Ruhm am laufenden Band. Alles spielt sich vor unseren Augen ab. Ohne Unterbrechung. Mit diesem seltsamen Gefühl, einige Situationen bereits erlebt zu haben. Eine Welt, in der alles im Voraus geschrieben ist, ein Drehbuch, dass gegen unseren Willen verfasst wurde, ein Schicksal, dass bereits festgelegt ist.

Heute Morgen hat mir ein Detail ein Zeichen gemacht. Im Spiegel besaß mein Gesicht einen Ausdruck von schwierigem und missmutigem Erwachen. Während meine Zahnbürste in meinem Mund kreiste, betrachtete ich mich und stellte mir dabei einen Haufen existentieller Fragen, über den Nutzen eines formatierten Lebens, eine Arbeit zu besitzen, Kredite, eine Familie, Verantwortungen, Meinungen. Wozu an all das denken? Nach dem Ausspucken ins Waschbecken ist das Unerklärliche passiert: Als ich den Kopf gehoben habe, waren mein Bild und meine Gesten zeitversetzt. Es hinkte ihnen um einige Zehntelsekunden nach. Sofort dachte ich an eine Art vorübergehender Halluzination, die der frühen Stunde geschuldet war und dem Unmut der (in meinem Fall) mit ihr einhergeht. Doch auch nach mehreren Versuchen, bei denen ich wie ein Tier wirkte, dem sein eigenes Spiegelbild Furcht einflößt, blieb die seltsame Erscheinung bestehen. Wie konnte es sein, dass mein eigenes Bild schneller war als ich selbst? Es wirkte unfassbar aber es war sichtbar, fassbar.

Mir kommt es so vor, als hätte ich diese Fragestellungen schon erlebt, diese blitzartigen Einsichten, in denen ich nicht mehr genau zwischen Wirklichkeit und Traum unterscheiden kann, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Wegen dieser ganzen Gedanken... dreht sich mir der Kopf... Ich fühle mich nicht... wohl... Ich glaube... ich...

***

Kurz darauf betraten zwei dunkel gekleidete Männer diskret die Wohnung. Sie traten dicht an den auf dem Kachelboden des Badezimmers ausgestreckten Körper heran. „Wir sind vor Ort, wie geplant. Was sollen wir tun?“ fragte der eine mit lauter Stimme und öffnete dabei sein Köfferchen. „Eine Injektion A 72 vom Knechtschaftsprotokoll praktizieren, um sein Gedächtnis zu enkodieren“, antwortete eine weibliche Stimme in seinem Clip im Ohr. Dann fügte sie nach einer kurzen Pause hinzu: „Das Subjekt hat bereits letzten Monat ein identisches Bewusstseinserwachen gehabt, wir dürfen uns keinen Fehler erlauben. Ich werde die Propagandazelle unterrichten, dass ähnliche Fälle eingetreten sind. Wir müssen um jeden Preis vermeiden, dass sich etwas entfacht.“

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