Omi Rose

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Que restera-t-il de nous quand il n'y aura plus rien, rien du tout, peut être l'essentiel de la vie, notre "ultime trace"?

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Traduite par Tatjana Marwinski

„Agathe, bitte lehne dich nicht so weit dort hinüber. Du weißt doch, die Sonne tut dir nicht gut. Wo war ich? Ach ja, zwei Maschen rechts. Ich hoffe, er wird ihm gefallen. Die Farbe passt gut zu Luciens blauen Augen. Was sagst du? Du kennst Lucien nicht, meinen Mann? Oh, dann muss ich dir von ihm erzählen. Weißt du, er war ein attraktiver Mann, ich meine, er ist ein attraktiver Mann! Hörst du, Agathe? Habe ich dir schon erzählt, wie wir uns kennengelernt haben? Was, Églantine? Du kennst die Geschichte schon? Sag bloß, du findest sie langweilig!“
Seit zehn Minuten höre ich ihr nun zu, sie sitzt hinter mir. Ihrer Stimme nach ist es eine ältere Dame, sicherlich eine adrette Omi, die es sich nicht hat nehmen lassen, den schönen Frühlingstag mit ihren Enkelkindern im Park zu verbringen. Von den Enkeln höre ich nichts, aber das ist mir ganz recht. Schließlich bin ich hierhergekommen, um in Ruhe zu schreiben. Wegen der verzogenen Sprösslinge der Schickimicki-Pärchen, die Besseres zu tun haben, als Rücksicht auf mein Ruhebedürfnis oder das ihrer Mitmenschen zu nehmen, musste ich bereits zweimal die Bank wechseln. Das Geplauder dieser Omi ist wie eine angenehme Hintergrundmusik, ihre Stimme klingt gutmütig …
„Ich verbrachte also meine Ferien in Algerien bei einer Tante mütterlicherseits. Im Algerien zur Zeit der Franzosen, wie es heute heißt, kurz nach dem Weltkrieg, dem zweiten natürlich, so alt bin ich nun auch wieder nicht. Und mein Lucien, der war Unteroffizier bei den Turkos. Ihr hättet ihn sehen müssen, stattlich, wie er war, ich habe mich sofort verliebt. Aber meine Tante, die alte Jungfer, war Lehrerin in einer katholischen Schule und konnte ihn nicht ausstehen. Jedenfalls wurde Lucien aus dem Kriegsdienst entlassen, wir haben geheiratet und sind dortgeblieben, und er wurde Briefträger beim Post- und Telegrafenamt. Dort bekam er eine andere Uniform, aber er sah noch genauso stattlich aus wie vorher. 1962 sind wir dann natürlich nach Frankreich zurückgekehrt, so wie alle …“
Die Omi hält inne. Schade, es wurde gerade interessant. Vor mir tauchen die Bilder auf, die ich damals in den Nachrichten und auch in der Paris-Match gesehen hatte: die heimkehrenden Pieds Noirs, mit ihren müden und traurigen Gesichtern, das Kind an der einen Hand, in der anderen den Koffer.
„Für Lucien war es ein fürchterlicher Schlag, als er in die Pariser Gegend versetzt wurde. Könnt ihr zwei euch vorstellen, was es heißt, die Sonne nicht mehr zu sehen? Seitdem hat er sich verändert, er fing an zu trinken und wurde grob. Ich konnte ihn verstehen, mir fehlte die Sonne ja auch …“
J’ai quitté mon pays … Im Rauschen der Blätter höre ich Enrico Macias singen, während ich auf meiner Bank sitze. Die ersten Sonnenstrahlen des Frühlings machen mich wehmütig. Meine Fantasie bekommt Flügel.
„Nun ja, irgendwann habe ich die Schläge nicht länger ertragen, das war kein Leben mehr. Also habe ich den Unkrautvernichter geholt und zu jedem Essen ein wenig in die Suppe getan. Ein Jahr lang hat mein Lucien noch überstanden, dann ist er dahingegangen. Aber das ist nun schon vierzig Jahre her, zum Glück habe ich euch, meine Mädchen! Kommt, es ist Zeit für den Heimweg.“
Nun halte ich es nicht mehr aus. Ich drehe mich um und sehe eine weißhaarige alte Frau, die geradewegs einem Roman von Agatha Christie entsprungen zu sein scheint, eine Vorstadt-Miss-Marple. Wie alt sie ist, kann ich nicht sagen. Sie zieht ihren grauen Regenmantel über und bückt sich nach zwei Rosentöpfen, die sie liebevoll auf ihren Einkaufswagen stellt. Dann hängt sie sich ihre Tasche um, aus der zwei lange Stricknadeln hervorlugen. Als sie mich bemerkt, lächelt sie freundlich zu mir herüber.
„Guten Tag, junger Mann. Wenn man so alt ist wie Ihr Gegenüber, hat man nur noch seine Blumen zum Reden.“
„Ich bitte Sie, da ist doch nichts Schlimmes dabei. Blumen sind die Musen der Dichter.“
„Das ist wirklich freundlich von Ihnen. Seit mein Ehemann verstorben ist, stricke ich ihm jedes Jahr einen Pullover. An seinem Todestag trenne ich ihn wieder auf und fange wieder von vorn an.“
„Ich hoffe, Ihr Vorname ist nicht Penelope!“
Sie lacht.
„Nein, ich heiße Rose. Bei schönem Wetter komme ich jeden Tag hierher.“
„Ich komme auch manchmal her, um zu schreiben.“
„Schreiben, das hätte ich auch gern getan. Eines Tages müssen Sie mal meine Kräutersuppe probieren. Mein armer Lucien hat sie geliebt…“

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