Das fehlende Glied in der Kette

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Fergus McAdams starb am 10. September 1547, während der Schlacht bei Pinkie Cleugh, als ihn ein Pfeil mitten ins Herz traf.
Bei seinem Erwachen war der Pfeil verschwunden, aber sein Bein kam ihm sehr schwer vor. Aus gutem Grund! Eine Kette war daran festgemacht, ein Ende schloss sich um seinen Knöchel, das andere war am Boden befestigt.
Zu seinem weiteren Erstaunen bemerkte Fergus, dass er nicht der Einzige in dieser Situation war. Um ihn herum, in dieser vollkommen weißen Umgebung, gab es nichts außer weitere Männer und Frauen, gleichermaßen in Fesseln gelegt, manche von ihnen in Kleider gehüllt wie Fergus sie noch nie gesehen hatte. Eine dieser Frauen zu seiner Seite war sogar splitterfasernackt und schön wie ein Engel der Highlands. Sie schien über diese Situation nicht im Geringsten verlegen zu sein, und die Kette, die sie gefangen hielt, war länger.
― Wieso bist du so nackt wie die Venus nach dem Bade? fragte Fergus sie.
― Eben weil ich gerade beim Baden war, als mein Ehemann mich ertränkt hat.
― Der Verfluchte!
― Sie betrog ihn aber auch jedes Mal, sobald er ihr den Rücken zukehrte! bemerkte ein kleiner rundlicher Mann, dessen Kette noch länger war. Aber du solltest lieber anfangen, die Glieder deiner Kette zu reinigen, oder du wirst sehr bald am Boden kleben wie der da!
Der Mann hatte auf einen anderen Gefangenen unter ihnen gezeigt. Ein Mann dessen bärtiges Gesicht aussah wie sieben Tage Regenwetter. Auf diese Weise bemerkte Fergus, dass er tatsächlich über dem Boden schweben konnte.
― Das ist zwecklos, sagte der Bärtige. Das ist zwecklos.
― Hör nicht auf ihn, sagte die nackte Frau. Er wiederholt ständig die gleichen Worte, immer wieder. Hör lieber auf Sancho und fange an, deine Kette zu reinigen. Sie ist noch ziemlich kurz. Du wirst Kettenglieder hinzugewinnen, und wenn du kräftig genug bist, wirst du vielleicht an den Schlüssel herankommen, um dich zu befreien.
― Das bin ich! rief Fergus aus. Ich bin ein stolzer schottischer Krieger, und wir sind alle kräftig. Wo ist dieser Schlüssel? Wo sind wir übrigens? Ich erinnere mich an die Schlacht und an diesen Pfeil in meinem Herz...
― Ich erinnere mich auch daran, sagte die nackte Frau. Er war schön, dieser Pfeil. Und er steckte genau richtig. Wenigstens hast du nicht gelitten. Ich schon! Es ist schrecklich zu fühlen, wie das Wasser deine Lungen füllt, ohne etwas tun zu können. Auch wenn es mit Badesalz parfümiertes Wasser ist...
― Willst du mir damit sagen, dass ich tot bin und dass das hier die Hölle ist?
― Ein Pfeil mitten ins Herz, das ist in der Regel tödlich, sagte Sancho halb ernst-, halb scherzhaft. Ob wir in der Hölle sind, wer weiß? Ich habe nie an diese albernen Geschichten der Pfaffen geglaubt, und aus diesem Grund haben sie mich gefoltert, bis mein Herz aufhörte zu schlagen. Aber du, du kommst aus dem Schottland des 17. Jahrhunderts, wie ich sehe, also... Aber du redest zu viel und polierst zu wenig.
Sancho mit seinem rundlichen Bauch wendete sich wieder den Gliedern seiner Kette zu.
― Erkläre mir, warum ich, Fergus McAdams, etwas anderes reinigen sollte als meinen Degen? Ich bin ein Krieger, keine Kammerzofe.
― Wie du willst, aber wenn du es schaffst, deine ganze Kette noch vor dem Trompetenstoß zu polieren, bis sie glänzt, verlängert sie sich jedes Mal um ein Glied. Mit ein wenig Glück wird einer von uns womöglich den Schlüssel da oben erreichen können.
Fergus hob den Kopf und erspähte in der Tat einen Schlüssel auf einem Kissen, das in der Luft schwebte.
― Das ist zwecklos, wiederholte der Bärtige.
― Einmal habe ich fast den Schlüssel erreicht, sagte die nackte Frau. Ich habe es fast geschafft. Aber jedes Mal, wenn die Kette sich verlängert, wird dir klar, dass du mehr Zeit brauchst, alle Kettenglieder zu reinigen. Wenn sie zu lang ist, kann man sie nicht mehr vollständig reinigen, folglich verkürzt sie sich wieder. Und da sie sich verkürzt, kann man sie wieder vollständig reinigen. Also wird sie länger und...
― Ich glaube, ich verstehe.
― Du wirst besser verstehen, wenn du es so viele Male wie ich fast geschafft hast! seufzte Sancho. Niederlage um Niederlage...
Also begann Fergus, ohne recht zu wissen warum, die Glieder seiner kurzen Kette mit einem Lappen zu polieren, der daran festgebunden war. Ein einfaches Tuch, ein Stück weißer kümmerlicher Stoff.
Als er fertig war, wartete er. Er hätte nicht sagen können, wie lange. Endlich ertönte eine Trompete, deren Klang nichts mit der ergreifenden Musik der Dudelsäcke seiner Heimat gemein hatte. Eine Heimat, für die er sein Leben gegeben hatte und die er um jeden Preis wiedersehen wollte. Deshalb machte er von dem Lappen Gebrauch.
Sobald die Trompete verstummte, bekam seine Kette wie durch Zauber ein Glied hinzu, während sich andere Ketten um ihn herum verlängerten oder verkürzten. Dieses Spiel wiederholte sich ein ums andere Mal. Und Fergus verstand in der Tat besser. Seine Kette wurde länger, verkürzte sich dann, bevor sie sich erneut verlängerte. Manchmal war er gelangweilt und manchmal müde. Manchmal machten ihm die Bilder seiner schottischen Heimat wieder Mut. Aber der Schlüssel, obwohl so nah, blieb unerreichbar.
― Warum hast du deinen Ehemann mit einem anderen Mann betrogen? fragte er die nackte Frau.
Merkwürdigerweise empfand Fergus trotz ihrer Schönheit und ihrer vollkommenen Formen nichts für sie. Er, der sein ganzes Leben lang ein Schürzenjäger gewesen war ... Übrigens verspürte er weder Hunger, noch Durst, noch Müdigkeit an diesem Ort.
― Ich habe ihn nicht wegen eines anderen Mannes betrogen, sondern wegen einer Frau, antwortete sie.
― Was für eine komische Idee.
― Ja, was für eine komische Idee, fügte Sancho hinzu. Ich bin nie verheiratet gewesen, aber ich hatte eine Geliebte. Sie hieß... ich erinnere mich nicht mehr, aber sie hatte einen hübschen Namen.
An diesem Tag ertönte die Trompete wie an allen anderen Tagen. Und niemand erreichte den Schlüssel.
― Wir sind auf immer und ewig Gefangene, seufzte die nackte Frau, deren Name Ouniherabetsy war.
Man muss schon sagen, dass es eine gemeine Falle ist, dachte Fergus. Ich habe nur zwei Arme, und man bräuchte sehr viel mehr, um all diese Kettenglieder zu polieren, die wie giftige Verheißungen auftauchen. Mehr Arme. Man müsste eine Spinne sein. Na klar! Eine Spinne!
― Ich hab’s! rief er aus. Ich weiß, was zu tun ist. Drei von uns müssen dem vierten helfen, seine Glieder zu reinigen. Mit acht Armen wird es uns gewiss gelingen, an den Schlüssel zu kommen. Sancho und du, ihr habt es fast schon allein geschafft. Bei acht Armen, die sich an ein und derselben Kette zu schaffen machen, wird es einem von uns gelingen zum Schlüssel hinaufzusteigen, um die anderen zu erlösen. Seht her! Unsere Schlösser sind identisch.
― Aber das bedeutet, dass drei von uns Kettenglieder verlieren werden, weil die Zeit, die wir mit der einen Kette verbringen, für die andere verloren ist, bemerkte Sancho.
― Das stimmt. Aber was macht das schon, da wir ja am Ende alle von diesen Fesseln befreit sein werden?
Sancho und Ouniherabetsy waren mit Fergus einig. Aber nicht der Bärtige.
― Das ist zwecklos, sagte er wie gewohnt.
Nun gut! Sechs Arme würden vollkommen ausreichen.
― Du, Fergus, wirst den Schlüssel holen, denn du hast die Idee gehabt, sagte Sancho.
― Ich bin einverstanden, sagte Ouniherabetsy. Wir werden also deine Kette verlängern!
Sie brauchten nicht länger als ein Jahrhundert, um genügend Glieder hinzuzufügen, damit sich Fergus endlich des Schlüssels bemächtigte. Er war einfach zu ihm hin geschwebt. Sofort steckte er ihn in das Schloss an seinem Knöchel.
― Ich werde euch erlösen! rief er den beiden anderen zu.
Ihm blieb keine Zeit dazu, denn er verschwand. Die Kette fiel der Länge nach auf den Boden, und der Schlüssel kam wieder auf dem kleinen Kissen zu liegen. Unerreichbar.
Fergus selbst fand sich zuhause wieder. Genau dort, wo er gewesen war, bevor ihn der Pfeil getroffen hatte. Eben jener Pfeil, den er gerade auf sich zukommen sah, genau dorthin, wo sein Herz aufhören würde zu schlagen.
Als er die Augen öffnete, wusste er, wo er war. Eine Kette war erneut an seinem Knöchel befestigt. Sancho und Ouniherabetsy waren nicht mehr da, aber ein alter Mann mit einer Narbe fragte ihn, ob er so gut wäre, ihm und seinen beiden Kameraden zu helfen, die Kette von einem von ihnen zu reinigen, damit er hochsteigen und den Schlüssel an sich nehmen und sie erlösen könne.
― Das ist zwecklos, seufzte Fergus. Das ist zwecklos…

-- Traduite par Tatjana Marwinski

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