Haus zu verkaufen


ago
2 min
2480
readings
256

„Irgendjemand wird die Leisten schon neu streichen...“
Dieser kleine Satz kreist unentwegt in Margots Gedanken, ein dem ersten Anschein nach harmloser Satz, leise auf der Vortreppe am Ende der Besichtigung zwischen den beiden Maklern der Immobilienagentur gewechselt, aber sie hatte ihn genau gehört. Und aus welchem Grund auch immer kreist und hallt er heimtückisch und unangenehm in Margots Ohren wider. So sehr, dass dieser schöne sonnige Septembernachmittag ihr ein klebriges Gefühl hinterlässt, ein wenig wie das von späten Trauben, die an Fingern und Zunge einen zuckrigen Geschmack hinterlassen, den man nur schwer wegbekommt.

Warum haben die Leisten die Aufmerksamkeit dieser beiden geweckt?

Der Wagen der Makler ist gerade durch das Gittertor gefahren. Margot setzt sich auf die oberste Treppenstufe der Veranda und geht im Geiste den Ablauf der Besichtigung noch einmal durch: die Kennerblicke, die vor den Möbeln, dem schönen Zuschnitt der Räume gewechselt wurden, die Bemerkungen, das Klopfen auf die Wände.

Sie steht auf und beschließt, den Zustand der Leisten selbst zu überprüfen. Sie geht hinauf in den ersten Stock und von einem Raum zum nächsten. Es stimmt schon, dass diese Holzbretter stellenweise unansehnliche schwarze Streifen aufweisen, Stoßspuren umgestellter Möbelstücke, Scheuerspuren vom Besen oder Staubsauger. Das bildet einen Gegensatz zu den Tapeten oder Anstrichen, die vor kurzem erneuert wurden.

Margot rügt sich selbst. Wie hat sie dieses Detail übersehen können, das ihr heute ausgesprochen hässlich erscheint und womöglich den Verkauf des Hauses gefährdet?

Margot, seit drei Jahren verwitwet, ist die Entscheidung schwergefallen, sich von diesem Familiengut in der Normandie zu trennen. Sie hängt sehr daran, kann aber nicht mehr die finanziellen Mittel für seine Instandhaltung aufbringen. Zwar hat sie eine Arbeit, die es ihr ermöglicht, die Miete ihrer Wohnung bei Paris zu zahlen, aber diese Zweitwohnung in der Normandie wird, obwohl sie ihr angenehme Wochenenden beschert, zu einem Fass ohne Boden. Sie kann immer noch nicht sagen, was sie schließlich zu dieser Entscheidung bewogen hat. Sie muss gedacht haben, dass der Zeitpunkt günstig ist, da sich der Immobilienmarkt wieder ein wenig erholt hat.

Sie schiebt ihre Gedanken beiseite und greift zum örtlichen Telefonbuch. Sie muss einen Handwerker finden, der sich um das Auswechseln all dieser Leisten kümmert. Nach mehreren entmutigenden Anrufen gelingt es ihr, mit einem gewissen Pierre Laroque einen Termin für den nächsten Tag zu vereinbaren. Ein Wunder, sagt sie sich, die Handwerker sind immer so überlastet!

Am nächsten Morgen gegen zehn sitzt Margot an dem runden Tischchen in der Gartenlaube und trinkt genussvoll eine Tasse Kaffee, während sie sich von den Sonnenstrahlen streicheln lässt. Plötzlich schreckt sie hoch, denn vor ihr steht ein Mann, der sich geräuschlos genähert hat und sie beobachtet. Sie ist darüber verlegen und spürt ihre Wangen erröten.

Nach der gegenseitigen Vorstellung führt sie Pierre Laroque zu dem Bauwerk und erklärt ihm den Grund ihres Anrufs. Wenn er die Arbeiten schnell in Angriff nehmen könne, wäre sie ihm dankbar; sie erklärt ihm, dass sie noch zwei Wochen im Urlaub ist, und bietet ihm einen Kaffee auf der Veranda an. Er hört ihr zu, beobachtet sie, lässt einen kundigen Blick über die Schönheit des Ortes schweifen. Übermorgen werde er anfangen, vorzugsweise frühmorgens, wenn sie nichts dagegen habe. Sie verabschieden sich voneinander, und sie sieht ihm beim Verlassen des Parks zu, während sie den Gang, die Statur dieses gutaussehenden Mannes mustert, rafft sich dann auf, ein wenig durch die Gefühle irritiert, die sie überkommen.

Die Arbeiten dauerten eine Woche. Pierre Laroque aß oft in Margots Gesellschaft zu Mittag und zu Abend unter der Laube. Der Park hatte schon lange nicht mehr das laute Lachen der Eigentümerin vernommen. Ein oder zweimal wurde die Eule, die unter dem Dachfirst hauste, sogar durch den Schein von Kerzen auf dem Tischchen gestört.

Dann verschwand das Schild „Zu verkaufen“ vom Tor.

Translated by Tatjana Marwinski

256
256

You might also like…