Eine moderne Sage


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Jeder kennt, meistens aus Gesprächen mit Freunden, einige dieser modernen Sagen, die sich wie ein Lauffeuer verbreiten und mit der Zeit oder je nach Weltgegend verändern. Durch das Internet hat sich dieses Phänomen noch stärker entwickelt, und die Leichtgläubigkeit vieler Nutzer hat etliche dieser „urban legends“ mit dem Ruf der absoluten Wahrheit geadelt – so wie früher ein gedruckter Satz in den Augen mancher Leser an und für sich als unumstößlich galt.
Eine meiner Lieblingssagen handelt weder von einem blutigen Verbrechen, noch von einer schrecklichen Begebenheit, und ebenso wenig von einer Situation, in der sich ein Gag an den anderen reiht. Sie ist letztendlich ziemlich einfach, doch offenbart sie in ihrer Nüchternheit so viel über die menschliche Natur, dass ich dem Vergnügen nicht widerstehen kann, sie mir anzueignen, das heißt, sie mit meinen eigenen Worten nachzuerzählen.

Die durchaus unfreiwillige Heldin ist eine Frau, die ich mir als gutbürgerliche, über fünfzigjährige Dame vorstelle, die ganz nach dem Geschmack eines Mitglied eines katholischen Fürsorgevereins gekleidet ist: einfache aber gute Kleidung, wie sie für ihr Milieu typisch ist, ein langer Schottenrock, flache Mokassins, marineblauer oder flaschengrüner Mantel und eine praktische, unauffällige Handtasche, die sie über der Schulter trägt.
Sie wartet auf einen Anschlusszug im Bahnhof einer großen Stadt – Paris, oder vielleicht Bordeaux. Sie hat noch eine Stunde Zeit, es ist ziemlich kalt und sie beschließt, sich in der Bahnhofsgaststätte einen kleinen Imbiss zu genehmigen. Aus der Selbstbedienungsvitrine wählt sie eine Suppe aus, eine Angestellte im weißen Kittel reicht ihr diese, sie stellt die Schüssel mit dem kochend heißen, dampfenden Inhalt auf ein Tablett und schiebt dieses auf dem gebogenen schienenartigen Gestell bis zur Kasse. Ohne die Getränke und Nachspeisen zu beachten zahlt sie den geforderten Betrag, dann packt sie ihr Tablett resolut mit beiden Händen, schaut sich im fast leeren Saal um und begibt sich zu einem freien Tisch, der ihrer zwischen zwei Bänken harrt.
Dort stellt sie ihr Tablett ab, lässt den Riemen der Handtasche von ihrer Schulter gleiten und stellt die Tasche neben sich ab. Sie seufzt genüsslich auf, dann senkt sie den Blick auf ihre Suppenschüssel. Und stellt fest, dass sie das Besteck vergessen hat, oder genauer gesagt, den Löffel. Erneuter Seufzer, diesmal verärgert. Sie steht wieder auf, geht zur Kasse, wo für schusselige Leute wie sie weiteres Besteck in einem passenden Behälter bereitliegt. Sie nimmt einen Löffel, überprüft dessen Sauberkeit mit Kennerauge, und kehrt wieder zurück zu ihrer alleingelassenen Suppe.
Dort erwartet sie eine große Überraschung: Auf der gegenüberliegenden Bank sitzt jetzt ein Mann. Ein großer Schwarzer, nicht mehr ganz jung, mit graumeliertem Haar und einem zerfurchten Gesicht. Mit einem Blick erfasst sie seine mehr als bescheidene Kleidung, die Hinweise darauf, dass er seit kurzem eingewandert und wohl auch sehr hungrig ist. Vor allem bemerkt sie, dass seine Hand einen Holzlöffel hält – offenbar sein eigener Löffel – und diesen gerade in die Suppenschüssel eintauchen will!
Die gute Frau hält inne. Sie zögert. Soll sie den ungebetenen Gast vertreiben? Er sieht ganz harmlos aus; zudem predigt sie stets in ihrem Kirchenkreis, dessen eifrige Teilnehmerin sie ist, man möge christliche Barmherzigkeit ausüben. Jetzt ist vielleicht der Augenblick der Großzügigkeit gekommen.
Ihr Blick begegnet jenem des Mannes und zu ihrer großen Überraschung liest sie darin Ruhe und Selbstbewusstsein. Er schenkt ihr sogar ein Lächeln, dann taucht er den Löffel in die Suppe und führt sie genüsslich an den Mund.
Ganz schön dreist, denkt unser Kirchengemeindemitglied, das wir Bernadette nennen wollen, denn ein etwas altmodischer Vorname wie dieser passt gut zu dieser Frau, die zweifelsohne eine züchtige und fromme Erziehung genossen hat.
Da auch sie sich nicht so einfach einschüchtern lässt, setzt sie sich gegenüber vom unangekündigten Mitesser hin und taucht ihrerseits ihren Löffel in die Suppe sowie ihren Blick in die dunklen Augen des Mannes. Eine Spur von Herausforderung leuchtet in ihren eigenen Augen auf, die übrigens ganz hübsch sind und völlig frei von Schüchternheit. Dieses Leuchten besagt klar und deutlich „Ich teile gerne mit dir, Kerlchen, doch vergiss nicht, dass die Suppe ursprünglich für mich allein gedacht war.“
Der Mann gegenüber lächelt halb überrascht und halb belustigt, dann nickt er kaum merklich mit dem Kopf und schöpft so selbstgewiss wie vorher einen weiteren Löffel Suppe aus der Schüssel. Nennen wir ihn Brahim, denn so wie er aussieht kommt er aus einem moslemischen Land, er hat das Aussehen eines Patriarchen, eines alten weisen Mannes, dem das Palavern leicht fällt.

Unsere Helden haben kein Wort gewechselt. Sie haben nach und nach ihren jeweiligen Löffel in die Suppe eingetaucht, bis von der Flüssigkeit nichts mehr übrig war.

Bernadette empfindet das leicht berauschende Gefühl, ein durchaus ungewöhnliches humanitäres Abenteuer zu erleben, und malt sich bereits aus, wie sie ihrer Familie und ihren Freunden die Geschichte erzählt. Sie wird sagen, dass sich alles ganz natürlich abgespielt hat, und feststellen, dass wenn alle den Gedanken, mit den Ärmsten zu teilen, annehmen würden, die Welt sicher etwas besser würde.
Während sie noch darüber nachdenkt, sieht sie, wie Brahim sorgfältig seinen Holzlöffel abwischt, ihn in einem großen Beutel verstaut, dann aufsteht und sich leicht mit einem freundlichen Lächeln zu ihr hin verneigt und sich schließlich abwendet und fortgeht. Rasch ist er verschwunden.
Bernadette bleibt einige Sekunden in Gedanken verloren, dann macht sie sich ebenfalls zum Gehen bereit. Sie dreht sich zu ihrer Handtasche um, die sie, wie sie es noch ganz genau weiß, auf die Bank gelegt hatte, bevor sie sich einen Löffel holen gegangen war. Doch auf der Bank liegt nichts. Überrascht bückt sie sich, sucht unter dem Tisch, auf der anderen Bank… Die Handtasche ist verschwunden, und mit ihr das ganz neue Gefühl von Glauben in die Menschlichkeit, in dem sich unsere Heldin gesonnt hatte.
— Wie kann ich nur so blöd sein! ruft sie und schlägt sich an die Stirn.
Wie konnte sie ihm nur vertrauen… diesem… diesem…, nun, diesem farbigen Herren, der sich so seltsam verhielt? Ich bin übers Ohr gehauen worden, so lautet die Wahrheit, denkt sie, ihrer Illusionen beraubt. Die Geschichte war zu schön. Der Andere lacht sich jetzt sicher ins Fäustchen.
Zum Glück ist das Lokal praktisch leer, denn Bernadette hätte die mitleidigen oder womöglich spöttischen Blicke nicht ertragen. Sie mag es nicht, bei einem Fehler ertappt zu werden. Eine energische Frau wie sie lässt sich nichts vormachen. In Zukunft wird sie argwöhnischer sein. Ende der Anekdote.
Sie steht auf, denkt bereits an die Probleme, die sie wegen dem Verlust ihres Ausweises, ihrer Fahrkarte haben wird. Ihr Blick streift durch den Saal. Plötzlich bleibt er hängen.
Dort, zwei Tische weiter, steht eine noch leicht dampfende Suppenschüssel auf einem scheinbar herrenlosen Tablett.
Und auf der Bank liegt mit herabhängendem Schulterriemen – eine Handtasche.
Ihre Handtasche.

Translated by Johannes Honigmann

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