Ein Licht im Sturm


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Pa’ hatte schon immer viel Respekt für Sams Großmutter gehabt.

Das lag wohl zum Teil an allem, was sich die Leute aus dem Dorf über sie erzählten.

Pa’ sagte, dass die Zivilisation die Menschen um den besten Teil ihrer selbst beraubt hatte. Und, dass die Leute aus dem Dorf der Zivilisation gewissermaßen einen Altar errichtet hatten, vor dem sie sich verneigten und der sie jeden Tag ein wenig mehr korrumpierte. „Sie verbannen alles ins Dunkle, was sie nicht verstehen“, fügte Pa’ noch hinzu, „und je mehr Sachen sie zu kennen meinen, desto weniger verstehen sie.“

Sams Großmutter lebte außerhalb des Dorfes. So wie wir. Aber im Gegensatz zu uns, die wir fast täglich dort hingingen, wegen der Schule oder den Geschäften, pflegte sie schon lange keinen Umgang mehr mit irgendjemandem im Dorfe. Sie war nur eine Gestalt, die die Bewohner manchmal erblickten oder in der Ferne zu erahnen meinten, wie in einem Schattenspiel. Nicht mehr wirklich real, aber doch gegenwärtig. Hinter ihrem Rücken wurde viel über sie geredet. Und selten Gutes. Und immer bekreuzigte man sich rasch am Ende des Gesprächs. Manche Leute erwähnten sie sogar, um ihre Kinder einzuschüchtern, damit sie ihre Suppe aufäßen oder ihre Hausaufgaben machten. „Aberglaube!“, schimpfte Pa’. ’Ma sagte, dass Sams Großmutter und Gott nicht miteinander verfeindet waren, obwohl die Großmutter nicht in die Kirche ging. Man könne auf mehr als eine Weise eine gute Christin sein, erklärte sie, weil es zuallererst um Liebe und um Verzeihung ging. Auch wenn die Kirche natürlich sehr wichtig sei. ’Ma gab Sam oft eine Speise mit, die sie gekocht hatte, manchmal sogar eine selbstgestrickte warme Decke oder einen Schal, damit er sie seiner Großmutter brächte. Sie erklärte ihm auch, dass sie für sie betete und Sam, der wusste, wie wichtig dies für ’Ma war, war ihr dafür dankbar.

Ich erinnere mich, wie ich eines Tages, als ich acht Jahre alt war, ’Ma gefragt habe, warum die Leute aus dem Dorf Sams Großmutter nicht leiden konnten. „Würde das etwas an der Meinung ändern, die du von ihr hast?“, lautete ihre Gegenfrage. Ich habe eine Weile darüber nachgedacht. Ich habe an die Waldbeerenpastete gedacht, die sie für Sam backte und die er mit Millie und mir teilte, oder an die Art und Weise, auf der sie mit der Hand über unser Haar strich, wenn sie uns traf – und wie friedlich und stark wir uns in solchen Augenblicken fühlten –, oder auch an den Geruch der seltsamen Zigaretten, die sie rauchte, und ich habe ’Ma geantwortet, dass ich nicht dächte, dass es irgendetwas ändern würde. Dann habe ich Millie gerufen und wir sind Brombeeren für den Nachtisch pflücken gegangen.


Die Geschichte, die ich erzählen möchte, ist im darauffolgenden Winter passiert. Sam, Millie und ich kamen aus der Schule. Der Himmel sah nach Schnee aus, doch wir konnten nicht ahnen, dass ein Sturm über uns hereinbrechen würde. Jedenfalls nicht so schnell. An Stürme waren wir gewöhnt. Wir wussten, wie sie innerhalb von wenigen Minuten die Umgebung in einen weißen Nebel tauchen und die Temperaturen um mehr als zwanzig Grad senken konnten, aber für gewöhnlich sah man sie von weitem kommen, so dass man noch Zeit hatte, um sich in Sicherheit zu bringen.

Wir waren noch etwa zwei Kilometer vom Haus entfernt als der Wind begonnen hat, eisigen Staub auf uns zu wehen, der sich an uns haftete und mit allen Mitteln in uns eindringen wollte. Wir sind schneller gelaufen. Bald darauf haben sich Eisnadeln in unser Gesicht gepflanzt, wir haben die Augen zusammenkneifen und den Kopf senken müssen. Der Wind toste um uns herum und manchmal fühlte es sich so an, als gäbe es keine Luft mehr zum Atmen. Man konnte schon nicht weiter als fünf Meter sehen. Ich habe Millie auf die Arme genommen. Sie hat dagegen protestiert, weil sie sich groß genug fand, aber ich war viel zu stark – ein zukünftiger Holzfäller, wie Pa’ immer stolz sagte –, als dass sie sich hätte widersetzen können. Ich hätte mit ihr auf dem Arm bis nach Hause rennen können, aber dann hätte ich Sam, der uns mit Mühe folgte, ganz allein zurück lassen müssen, und so etwas kam gar nicht in Frage.

Als wir endlich wieder zuhause waren, konnte man kaum noch die Hand vor Augen sehen. Wir haben Sam gesagt, er solle das Ende des Sturms bei uns abwarten. Das Haus seiner Großmutter lag nicht sehr fern von unserem, doch wenn ein Sturm durch die Gegend fegt ist alles weit entfernt.

Natürlich war ’Ma erleichtert, dass wir zuhause waren, doch sie hat sich schnell wieder ans Fernster gestellt. Sie versuchte, durch den dichten weißen Vorhang, den der Wind vor unsere Fenster legte, den Wald am Hang des Hügels zu sehen, den Ort, an dem sich Pa’ befinden sollte. Als mir klar geworden ist, dass er keine Zeit gehabt hatte, vor Ausbruch des Sturms den Wald zu verlassen, dass er immer noch drin steckte, gefangen in dieser weißen und eiskalten Nacht, sind meine Knie weich geworden. Sam hat mich festgehalten, sonst wäre ich gestürzt. „Das wird schon werden“, hat er mir zugeflüstert, „dein Vater ist ein Kraftprotz, der schafft das schon.“ Doch seine Stimme hat dabei gezittert. Millie hat sich ganz fest an ’Ma gedrückt. Wir waren alle ganz still. Man hörte nur das Heulen des Windes, das Knarren des Hauses und das Pfeifen unseres Atems.

Als die Tür aufgegangen ist, konnten wir es einige Sekunde lang nicht glauben. Auch als es offensichtlich war, dass der über und über mit Schnee bedeckte Typ, der im Eingang stand, Pa’ war, haben wir uns gefragt, ob wir nicht gerade träumten. Er klapperte mit den Zähnen. Er schien unfähig, noch einen Schritt zu machen. ’Ma hat ihn vor den Kamin gezerrt, und während sie ihm geholfen hat, die vom Eis ganz starr gewordenen Kleider auszuziehen, hat er gesagt: „Ich bin dem Licht im Sturm gefolgt“. Keiner von uns hat gedacht, dass er gerade unter Wahnvorstellung litt. Pa’ hat erklärt, wie der Sturm ihn eingeschlossen hatte und wie er, nachdem er im Zickzack zwischen den Bäumen herum gelaufen war und sich oft an sie gestoßen hatte, erschöpft in die Knie gegangen war und sich gefragt hatte, wie lange es dauerte bis ein Mensch erfror. Er hatte die Augen geschlossen und plötzlich hatte er gespürt, wie eine Hand über sein Haar strich, und mit einem Mal hatte er wieder die Kraft gehabt, aufzustehen. Vor ihm hatte ein schwaches Licht im Nebel gebrannt. Er war ihm gefolgt und es hatte ihn bis nach Hause zurückgeführt. Der Sturm hatte sich an ihn geklammert und hatte seine Beute nicht entweichen lassen wollen, doch das Licht hatte auf ihn gewartet und in ihm selbst war eine Kraft gewesen, die ihn ständig vorantrieb. Wir sagten nichts. Wir hörten ihm zu. Selbst ’Ma, die ein Handtuch aus dem Badezimmer holen wollte, war starr stehen geblieben. Wie eine Hand, die über seine Haare strich, wiederholte ich innerlich. Pa’s Blick ist meinem begegnet. Ich sah sofort, dass er das Gleiche dachte wie ich. Dann hat er sich an Sam gewendet und gesagt: „Richte deiner Großmutter aus: Ab heute kommt es nicht mehr in Frage, dass sie für das Holz, das ich ihr bringe, bezahlt.“

Translated by Johannes Honigmann

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