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FINALIST
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Dieser See ist ein ganzes Leben. Meins. Als Kind bin ich an allen seinen Ufern entlang gelaufen, habe ich alle seine Kiesel betrachtet, alle Bewegungen beobachtet, die seine Oberfläche kräuselten. Um dich zu sehen. Legendäres Ungeheuer, ich habe dich mein Leben lang gesucht, du hast meine Augen und mein Herz zu öffnen gewusst.

Ich war erst sieben als ich zum ersten Mal ausbüxte, mitten in der Nacht, im Mondschein, damit meine Eltern mich nicht finden. Ja, das Boot war gestohlen! Doch mich quälte kein schlechtes Gewissen, ich war mir sicher, dass ich bald eine der bedeutendsten wissenschaftlichen Entdeckungen aller Zeiten machen würde. Oh, ich machte mir keine falschen Vorstellungen: Solltest du wirklich da sein, gäbe es dafür eine Erklärung; du wärest nicht einfach eine der letzten Überlebenden einer von Gott brutal abgeschlachteten Schöpfung des Teufels.

Ich war, wie gesagt, sieben Jahre alt und die Wellen schaukelten mein kleines Boot; ich war der Kapitän und ich erforschte unbekannte Orte voller Gefahren und Ungeheuern, die sich in den Tiefen des eiskalten Wassers verbargen. Es war nicht kalt in dieser Nacht und der Himmel war klar, weil der Vollmond die Gewässer mit seiner ganzen imposanten Erscheinung beleuchtete. Die Stille, die überall herrschte, war bedrückend; das Wasser, die Berge und die Bäume waren schwarz, und dennoch war mein Herz von Wissensdrang, von Forscher- und Entdeckerlust getrieben, und zwar so heftig, dass ich allen Gefahren der Welt getrotzt hätte, um dich zu sehen.

Dich.

Ich befand mich in der Mitte des Sees und plötzlich begann das Wasser zu wogen, als erfüllte es plötzlich eine phänomenale Kraft. Mein Boot tanzte auf den entfesselten Fluten, ich klammerte mich an den Rändern fest, ich schrie; und plötzlich sah ich dich. Ich sah deinen riesigen Kopf aus dem Wasser auftauchen, schwarz, zum Mond gewandt, und mich anstarren. Da war nichts anderes, nur dein Kopf, ohne Gesicht: Mein Herz stand still während wir uns gegenseitig betrachteten. Es waren lange Minuten, lange Augenblicke.

Und dann: Spritzendes Wasser, ein Boot, das sich umdreht, und schließlich nichts, nichts anderes mehr als wogende Fluten, die mich mitreißen.

Ich bin mit dem einzigen Ziel aufgewachsen, dich wiederzusehen, ich habe unzählige Tage und Nächte damit verbracht, den See zu erkunden, ihn zu beobachten. Ich bin Wissenschaftler geworden und habe den See Dutzende, Hunderte Male erforschen lassen, auf der Suche nach dem legendären Biest. Und mehrmals wart ihr auch da. Ihr, mehrere, weil Ihr vom Meer kamt und wieder dorthin zogt. Und zurückkamt. Immer in den größten Tiefen des Sees, da wo die Kameras schlecht sahen, wo die Höhlen zu schwer zu ergründen waren. Dabei hatten wir Aufnahmen machen können. Ihr wart kleiner, als man es hätte glauben können, Ihr kamt in Gruppen und nur für eine sehr begrenzte Zeit, es hätte sowieso niemals genügend Nahrung für alle gegeben.

Aber in Wirklichkeit hatte ich Euch immer noch nicht wiedergesehen. Ich habe eine Expedition für den Augenblick organisiert, an dem, wie ich wusste, Ihr da sein würdet, du da sein würdest; und wir sind in die Eingeweiden des Lochs hinabgestiegen, so tief hinab, dass uns nicht mehr der geringste Lichtstrahl erreichte. Die Sonne war verschwunden. Es war von neuem Nacht und unsere Lampen waren der Mond.

Dort habe ich dich wiedergesehen. Durch das Bullauge. Und erneut ist mein Herz stillgestanden, als ich zum ersten Mal – und auch zum Zweiten –, deinem Blick begegnet bin, als ich deinen aus der Zeit gefallenen Kopf gesehen habe, der sich mir zuwandte und mich anstarrte.

Da bist du. Es gibt dich. Der Mythos ist wahr geworden.

Nessie.

Dies ist nicht allein die Geschichte eines ehrgeizigen Forschers, der sein Leben damit verbracht hat, einem Ungeheuer nachzuspüren, das sich in den Tiefen eines schottischen Sees verbirgt. Es ist die Geschichte eines Mannes, dem es gelungen ist, sich zu suchen, sich zu erkennen und sich zu finden. Endlich hatte ich die Entdeckung des Jahrhunderts gemacht, endlich waren Nessie, ihre Schwestern und ihre Brüder da. Und plötzlich hat mir etwas den Atem geraubt. Ich betrachtete dein Auge, Nessie, und da wurde es mir bewusst. Bewusst, dass ich drauf und dran war, Euch zu zerstören. Ihr seid so wenige. Eine vom Aussterben bedrohte Spezies, die endlich ans Licht gekommen war.

Die Menschen würden Euch den Garaus machen.

Sie würden Euch fangen, Euch zu billigen Attraktionen verkommen lassen. Sie würden Euch langsam zugrunde richten. So lange Ihr eine Legende wart, bliebt Ihr geschützt.

Welch gewaltiges Opfer, Eure Existenz zu verschweigen! Ich habe alle Winkel meiner Seele untersucht, die Untiefen meines Herzens, die Flut meiner Gefühle; am Ende wusste ich, dass ich nichts sagen würde.

Ich habe den Loch Ness erkundet, ich habe das Auge der Bestie erkundet, ich habe mein Herz erkundet; und schließlich habe ich geschwiegen.

Translated by Johannes Honigmann