Der Duft der Orchidee

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Es klingelt an der Tür – kurz, fast zögerlich. Dann noch einmal, länger und mit Nachdruck.
„Papa, es hat geklingelt!“
Ich springe auf, die behagliche Wohnzimmerlethargie ist mit einem Mal verschwunden. Der Fernseher läuft unbeirrt weiter. Ein Blick auf die Uhr, es ist nach zehn. Unweigerlich kommt die Frage auf.
„Wer ist das, Papa?“
Wenn ich das wüsste.
Ich taumle schlurfenden Schrittes durch die Wohnung. Besuch am Abend. Auf wen solch ich da tippen? Auf einen Blick durch den Spion verzichte ich.
Der Besuch entpuppt sich als Besucherin. Ein vertrautes Gesicht leuchtet mir durch den Türspalt entgegen. Ich erkenne sie sofort, ihr Parfüm, die roten Lippen.
„Was machst du denn hier?“
Mein Tonfall ist nicht der freundlichste, das muss ich gestehen.
Ihre Finger nesteln am Gürtel ihres Mantels.
„Weißt du, wie spät es ist?“
Haarsträhnen fallen ihr vor die Augen. Ihr Dekolleté mit der matten Haut weckt Erinnerungen.
„Außerdem bin ich nicht allein, das weißt du genau. Was ist mit deinem Mann?“
Das Leuchten in ihrem Blick verdunkelt sich.
„Wir haben uns gestritten. Sehr schlimm.“
„Aha…“ (Und redselig, wie ich bin, füge ich noch hinzu, wobei ich die Antwort schon ahne:) „Und?“
„Er hat mich rausgeworfen.“
Es klingt wie ein Geständnis, trotzig und gereizt.
„Sieht eher aus, als hättest du die Gelegenheit genutzt, um dich davonzumachen.“
Ich rede sinnlos daher, doch sie bewahrt ihre Würde. Keine Tränen, kein Schluchzen.
„Ich brauche deine Hilfe. Diesmal ist es ernst.“
„Aber Lan, das geht nicht. Wirklich… es geht nicht.“

Wir sind uns stets einig gewesen, vor allem, was mich betrifft. Und nicht jetzt, so Hals über Kopf. Es ist eine stillschweigende Übereinkunft zwischen uns: Freunde, Geliebte, nicht mehr. Wenn ich Gefühlen Einlass in mein Leben gewähre, kommt nichts Gutes dabei heraus. Das weiß sie. Es geht nicht, unmöglich, rotiert es unablässig in meinem Kopf.

Sie steht nun so nah vor mir, dass mich der blumige Duft ihres Parfüms überströmt. Die Aufregung kämpft in mir mit Schüben von Panik, und ich höre eine Stimme, die allmählich verklingt: Wir hatten Abmachungen, und sie weiß das genau, es geht nicht, ich will das nicht.
„Sag mal, Papa. Wer ist da?“
In ihrer Stimme liegt noch etwas Kleinmädchenhaftes. Ich bringe es nicht über mich, ihr zu sagen, es sei eine Freundin, die nur kurz vorbeikommt.
Der Zeitschalter lässt das Licht im Flur ausgehen. Meine Tochter schlüpft zwischen uns hindurch. Sie weiß, wo der Schalter ist, mit ihren Freundinnen spielt sie oft im Dunkeln. Vor der Tür wird es wieder hell.
„Oh, das sind aber viele Koffer!“
Ich trete hinaus in den Flur. Ihre große braune Tasche und ein mir unbekannter Rollkoffer reihen dort sich neben diversen Reisetaschen. Ich runzle die Stirn.
Als ich meine Tochter sagen höre: „Die Tasche ist aber schwer“, möchte ich antworten: „Lass nur, Lan geht gleich wieder, sie reist weit weg.“ Doch ich sage nichts, schaue nur zu.
Nun kommt Bewegung ins Geschehen, die Tasche wird in die Wohnung geschleift. Wie auf ein Zeichen ergreift Lan ihren Koffer und das restliche Gepäck, um meiner kleinen Prinzessin auf dem Fuße zu folgen, als würde sie von einem unsichtbaren Sternentor angezogen.
„Wie heißt du?“
„Lan. Huong Lan. In meinem Land bedeutet das Orchideenduft.“
„So ein schöner Name!“
Und wie um ihr Kennenlernen zu besiegeln, schließt sich langsam die Tür. Ein leises Klicken, die Verheißung von Glück auf der anderen Seite. Ich bin ausgesperrt.
Auf einmal ist es still im Flur. Ich stehe barfuß da, gleich überkommt die Dunkelheit mich wieder. Das Licht ist getaktet, genau wie mein Leben. Hinter der Tür scheint das Haus mit neuem Leben erfüllt. Sicher machen sie mir auf und lassen mich rein, das hoffe ich zumindest.
Ich drücke auf den Klingelknopf – kurz, fast zögerlich. Dann noch einmal, länger und voller Ungeduld.

Translated by Tatjana Marwinski