Der Gipfel der Welt

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Elena Lmr

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Hilja steht aufrecht auf dem Gipfel der Welt. Sie steht inmitten der wollfilzfarbenen Weite, die sich vor ihr erstreckt, in der Himmel und Horizont ineinander übergehen. Ihr helles Haar ist unter einem marineblauen Ohrenschützer zum Zopf geflochten, ihre weiße Haut von mehreren Schichten Wolle und Fleece umhüllt, die blonden Wimpern tragen keine Wimperntusche. Ihre Finger umklammern die Stöcke, während ihre Ski in die dicke Pulverschneedecke einsinken, die über dem See liegt. In der endlosen Weite Lapplands gibt es nun nur noch zwei Dinge: den Tannenwald, der sich unter dem Gewicht des Schnees schmerzvoll biegt, und Hiljas blaue Augen. Alles andere verschwindet, begraben vom Schnee und den fünfundzwanzig Grad unter null, die auf allem, was sie berühren, einen Hauch von Raureif hinterlassen – und den Tod bringen können. Die Finnen wissen das. Die Kälte tötet die Menschen, die Gerüche, die Farben. Sie verwandelt die Welt in ein winziges Spektrum der Sinne, über das Kerzenwachs, Schlittschuhkufen und Rentierhufe dahingleiten.
Der Gipfel der Welt ist von glitzernder Schönheit. Reif legt sich um Hiljas Atem. Ihr Blick schweift in die Stille, den unsichtbaren Horizont entlang, über die geschwungenen Tannenwipfel. Sie schmiegt sich in die unberührte Einsamkeit ein. Doch sie liebt ihr Leben in Helsinki, und sie liebt diese wimmelnde Stadt voller Wollmützen, ihren Marathonberuf und ihre Wirbelwindkinder. Aber seit Wochen fühlt sie sich ziellos, gelangweilt, die lärmende Übersättigung ist ihr zuwider. Darum ist sie weggegangen. Sie brauchte diese Ruhe, diese stille Einsamkeit des Horizonts, der nicht zu sehen ist. Nur so lange, bis sie Helsinki vermisst, bis sie wieder mit der Vorfreude eines kleinen Mädchens zurückkehren kann.
Hier fühlt sie sich wohl. Besänftigt. Sie atmet in langen Zügen. Es ist bald ein Uhr mittags. Die ersten eisigen Sonnenstrahlen greifen nach der Landschaft, die sich um sie erstreckt. Der weiße Himmel wird von noch helleren Lichtreflexen erleuchtet, auf dem Schnee glitzert feiner Goldstaub. Die Stille gleitet dahin, bis der plötzlich aufkommende Wind sie durchbricht. Die leichten Flocken tanzen auf den aquarellfarbenen Lichtreflexen in der kalten Luft. Hilja lässt ihren Atem der Brise folgen, die kommt und geht und in ihre Handschuhe eindringt. Sie schließt für einen Moment die Augen, ihre Finger schließen sich fester um die Stöcke. Sie spürt, wie die Sonne sich auf ihre dünnen Lider legt. Hier geht es ihr gut.
Am Abend, wenn die lange Nacht des lappländischen Winters hereinbricht, wird sie warten. So lange, bis das Polarlicht seinen stillen Tanz aufführt. Und morgen wird sie nach Helsinki zurückkehren, um ihr Leben und ihre Kinder mit all ihrer Wiedersehensfreude zu überschütten. Sie kann es kaum erwarten.

Translated by Tatjana Marwinski